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Ganz nah dran an „normalen“ Lebensverhältnissen

Seit September 1995 gibt es die vollstationäre Wohn- und Betreuungseinrichtung Kurzer Weg 9. Jetzt feierte diese BRÜCKE-Einrichtung ihr 20-jähriges Jubiläum.

Die sozialpsychiatrische Wohn- und Betreuungseinrichtung Kurzer Weg 9 bietet langfristige Betreuung für Menschen, die psychisch erkrankt sind und umfassende Hilfe benötigen. Durch die Integration von aufeinander abgestimmten Hilfen in den verschiedenen Lebensbereichen wird ein schützender, anregungsreicher und strukturierender Rahmen geboten, der die Stabilisierung und Entwicklung der Bewohnerinnen und Bewohner fördert.

Die "Sozialpsychiatrische Wohn- und Betreuungseinrichtung Kurzer Weg 9" der BRÜCKE feierte 20jähriges Jubiläum

Die „Sozialpsychiatrische Wohn- und Betreuungseinrichtung Kurzer Weg 9“ der BRÜCKE feierte 20jähriges Jubiläum

Das Jubiläum war Anlass für Einrichtungsleiterin Barbara Schmidt, auf die Entstehung dieser Einrichtung, die Entwicklung und die Hilfen für psychisch erkrankte Menschen zurückzublicken. Hier ist ihre Rede zum 20. Jubiläum:

 

Liebe BewohnerInnen des Hauses, liebe Gäste!

Vielleicht erinnern Sie sich noch: vor zwanzig Jahren war der Reichstag verhüllt, die Pflegeversicherung und das Schengen-Abkommen traten in Kraft, und bei ebay wurde der allererste Gegenstand versteigert.

Und zwanzig Jahre ist es her, dass dieses Haus fertig gestellt, bezogen und mit Leben gefüllt wurde. Unter uns gibt es durchaus einige, die auf den Zeitraum von 20 Jahren zurückblicken können, auch Menschen, die in diesem Haus leben und betreut werden. Auch zurückblicken auf zwanzig Jahre können unsere früheren Geschäftsführer Herr Bruhn und Herr Wäcken; dass Ihr unserer Einladung gefolgt seid, freut uns sehr, verdanken wir Euch und unserem Architekten Herrn Stein doch diese schöne Haus, das ich selbst damals auch schon mitgeplant und mitgestaltet habe und das ich seit der Eröffnung leite und begleite. Es ist vielen Menschen ein Zuhause, wohl wissend, dass es „normale“ Wohn- und Lebensbedingungen allenfalls ersetzt und diesen ähnelt; aber mit dem Angebot unserer Außenwohnungen sind wir „ganz nah dran“ an „normalen“ Lebensverhältnissen.

Viele Menschen sind in diesen zwanzig Jahren gekommen, Bewohner und Mitarbeiter, mehr als 140 Menschen wurden oder werden hier betreut, viele sind gegangen, manche, um Ihr Leben wieder eigenständig in die Hand zu nehmen; manche, weil ihnen die Betreuung nicht ihren Vorstellungen entsprach; manche benötigten mehr Betreuung und Pflege, und manche sind leider auch gestorben. Etliche aber blieben lange oder sind hier, weil sie sich wohlfühlen und von dem Angebot profitieren

Dabei fragten wir schon bei der Eröffnung etwas provokativ und kritisch, ob ein Heim vielleicht bald ein „Auslaufmodell“ ist…

Der Zulauf, der Zuspruch, die Rückmeldungen der Nutzer zeigen uns, dass es nicht so ist. Viele Menschen haben sich niedergelassen, fühlen sich zu Hause, fühlen sich sicher und wohl, geborgen und unterstützt, eingebunden, angeregt, gefordert, gefördert, unterhalten, vernetzt, verstanden.

Das verdanken sie den vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dieses Hauses, die sich mit großem Engagement und hoher Professionalität auf diese Aufgabe und Arbeit einlassen. Sie engagieren sich fachlich und persönlich, und zwar an 365 Tagen im Jahr, Ostern, Weihnachten, Silvester. Sie schaffen eine gute Atmosphäre, und sie bauen mit den Menschen eine Betreuungsbeziehung auf: freundlich, herzlich, fröhlich, verlässlich, belastbar, bereichernd, schützend, bereit zur Auseinandersetzung, mal auch fordernd und konfrontierend, stets geduldig und wertschätzend. Viele von euch Kolleginnen und euch Kollegen sind ja auch schon so lange dabei, manche durchaus schon viel mehr als ein Jahrzehnt. Das beinhaltet Konstanz, sichert Qualität und hortet Wissen, was für ein Schatz!

Euch allen, liebe Kolleginnen und Kollegen, ein großes Dankeschön und große Anerkennung dafür! Aus ganz unterschiedlichen Professionen, im Schicht- und Rund-um-die-Uhr-Dienst und mit oft belastenden und fordernden Situationen ein Team zu bilden und zu bleiben, ist schon eine große Leistung.

Dabei ist der gemeinsame Weg immer eine Herausforderung an alle Personen, die im Betreuungsprozess zusammenkommen, also MitarbeiterInnen und BewohnerInnen. Sie müssen sich kennenlernen, sich einander nähern, versuchen, sich zu verstehen, sie müssen sich auseinandersetzen, unterschiedliche Vorstellungen austauschen und daraus einen gemeinsamen Weg der Betreuung finden. Sie sehen das Betreuungsverhältnis aus unterschiedlichen Perspektiven, und die Verknüpfung von Wohnen und Betreuung in einem Leistungspaket birgt noch mal ganz eigene Herausforderungen.

Diesen gemeinsamen Weg sind schon viele Menschen in den letzten zwanzig Jahren gegangen, und wir werden ihn auch in der Zukunft beschreiten, auch wenn sich dies und das verändern kann und im Wandel ist.

Aber nun: kleiner Themenschwenk; betrachten wir noch mal die Geschichte unseres Hauses, ich nenne diese Betrachtung jetzt mal „Der „Kurze Weg“ im Wandel“ und habe mir Gedanken dazu gemacht, was wir mal hatten, jetzt aber nicht mehr haben. Da sind zum Beispiel zu nennen (und dabei spielt die Zahl 2 eine Rolle): Zwei Fasane, zwei Ziegen, zwei Katzen, zwei Hausnummern, zwei Zivildienstleistende Jahr für Jahr, am Anfang sogar noch für zwei Jahre (insgesamt sind es bisher 43) , zwei Geschäftsführer, das zwanzigste Jahrhundert, ein ganz großer Garten, eine Scheune, eine elektrische Schreibmaschine (Computer waren noch nicht im Einsatz), die D-Mark

Und ich habe mich gefragt: Was ist neu, was ist im Laufe der Jahre gekommen:

Einiges fiel mir dazu ein: Wohn- und Betreuungsverträge, Hilfepläne, das Hilfeprinzip „Fordern und Fördern“, ein neuer Geschäftsführer, eine Bereichsleitung, eine Schwestereinrichtung mit der Hausnummer 9, ein Beirat, mehrere Außenwohnungen, eine Wäscherei und dann das Adinet, ein internes Beschäftigungsprogramm, das Tagwerk, das Nichtraucherschutzgesetz, neue Räume für die Beschäftigungstherapie, das Fach- und Schlagwort „Inklusion“ und vieles mehr.

Und was gab, was gibt es schon seit zwanzig Jahren, was ist geblieben, und was soll auf jeden Fall erhalten werden, was soll bleiben? Ein schönes Haus, ein schöner Garten, für jeden ein Zimmer, ein Schlüssel, ein Briefkasten, eine hohe Lebensqualität, das gute Essen, eine professionelle solidarische Betreuung und: ein Sommerfest in jedem Jahr, dies ist das zwanzigste!!!

Ihnen allen werden noch viele Dinge einfallen, lassen Sie uns darüber sprechen und uns viel erzählen; Erfahrungen, Erlebnisse, Anekdoten. Ich freue mich auf einen angeregten und anregenden Austausch mit allen heute Nachmittag. Und auf das nächste Jahr, das 21., das wir in diesem Geist, mit dieser Grundhaltung, im Rahmen des Leitbildes der Brücke in Angriff nehmen werden.

Einrichtungsleiterin Barbara Schmidt