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Keep on smiling – Possen, die das Leben spielt

Psychiatrie-Erfahrene sowie deren Angehörige nehmen in der tagtäglichen Arbeit unserer Einrichtungen den größten und wichtigsten Raum ein. Sie spielen auch in der Kommunikation der BRÜCKE eine wesentliche Rolle, z.B. im BRÜCKE-Magazin, bei Veranstaltungen oder hier auf unserer Webseite. Lesen Sie heute einen Beitrag von Marie Töpfer (Name geändert), die über die „Possen des Alltags“ einen Text über ihre Erlebnisse verfasst hat. Marie wird von der Institutsambulanz der BRÜCKE betreut. Sie schreibt:

POSSEN DES ALLTAGS

Draußen regnet es in Strömen und ich lächle leicht in mich hinein, denn Lucas, mein Mann, pflegt bei solch einem Schmuddelwetter gern darauf hinzuweisen, wie vorteilhaft er es fände, dass die Häuser innen hohl sind. Unumwunden muss ich zugeben: „Er hat Recht!“

Die Wände wackeln im dröhnenden Punkrocksound, während ich unseren Hometrainer malträtiere. Natürlich . . . das mit den Wänden ist leicht übertrieben. Dennoch, der Lautstärkeregler steht etwas über Durchschnitt. Ich passe meinen Tretrhythmus dem des jeweiligen Lieblingsliedes an. Meine „Strampelei“ wird begleitet von den mitreißenden Songs einer Band, die eh` schon ganz nette Evergreens brillant gecovert hat.

Da geht die Post ab.

Mein Bruder und seine Freundin schenkten mir diese CD`s zum Geburtstag und trafen damit voll ins Schwarze. Nach circa zwanzig Minuten bin ich richtig im Takt, seelischer Ballast wird über Bord geworfen und ich lasse den Tag ganz locker Revue passieren. Am Morgen schrieb uns unser Freund Bastian via Facebook. Wir waren mit ihm und seiner Frau Sabine für heute Abend verabredet, in der Absicht, gemeinsam ein neues, angeblich sehr empfehlenswertes Restaurant im Herzen der Altstadt anzutesten.

Bastian sagte das Treffen ab, da er und Sabine, so formulierte er es wortwörtlich, unbedingt die Reste ihres Kühlschranks essen müssten. Diese Nachricht setzte mich augenblicklich und für etliche Momente völlig außer Gefecht.

Kräftig schniefend, nach Luft schnappend und die letzten Lachtränen aus den Augenwinkeln wischend, formulierte ich die Antwort. Ich schrieb, dass wir sie durchaus verstünden und ihnen auch nicht böse seien. Sie sollten aber unbedingt daran denken, fuhr ich fort, den Griff der Kühlschranktür, falls noch vorhanden, mit brauner Butter und einem Hauch Kardamom anzumachen. Erst dann würden die Geschmacksknospen richtig jubilieren und der Gourmet selig lächeln ob des großen Genusses.

Beim Gemüsefach verhielte es sich anders. Es bräuchte nur mit mittelaltem Gouda überbacken werden. Ganz einfach also. Das nicht zu tun, fabulierte ich weiter, gelte allerdings in Feinschmeckerkreisen geradezu als Verwerflichkeit. Kurzum: Bon Appetit !!!

Bis Bastian, der liebe Freund mit den seltsamen kulinarischen Vorlieben, antwortete, vergingen circa fünfzehn Minuten, denn auch er gab sich, wie ich später erfuhr, zunächst einer gepflegten Lachsalve hin. Anschließend sendete er einen Smiley.

Eine derart überwältigende Vergnüglichkeit gab es im weiteren Verlauf des Tages nicht mehr, dennoch sollte der unbeabsichtigte Wortwitz heute offenbar Furore machen. So fragte mich meine Buchbinderkollegin kurz vor Feierabend: „Wie viele Mappen müssen noch gebaut werden . . . zwei?“, woraufhin ich kopfschüttelnd erwiderte: “Nein, nur die rote und die blaue.“ „So so !!!“, nickte sie vielsagend. Kaum waren ihre Worte verhallt, mussten wir schallend lachen.

Wieder erholt, tröstete ich mich damit, dass der Arbeitsvormittag etwas anstrengend war und ich normalerweise sogar bis drei zu zählen vermag. Apropos drei … sind bekannter Maßen alle guten Dinge und so setzte mein Physiotherapeut am Nachmittag noch einen drauf. Als er am Ende der Behandlung meinen erstaunten Blick zur Uhr bemerkte, erklärte er: „Da die Umstände es erfordern, habe ich Sie heute etwas verkürzt.“ Amüsiert grinsend erwiderte ich, dass das sehr ungünstig sei, denn ich hätte gerade 500g zugenommen und sähe ungern noch gedrungener aus, als das sowieso der Fall wäre. Zum Glück versteht er Spaß. Er lachte herzhaft.

Gut gelaunt lausche ich dem letzten Lied und gebe noch mal richtig Gas. Ich schwitze ordentlich und eine Vermutung liegt nahe: Etliche Haushalte der City hätten während der letzten 65 Minuten auf die üblichen Stromlieferanten verzichten können, wäre mein „Rennrad“ nur richtig angeschlossen worden. Okay, das Abendessen habe ich mir verdient.

Lucas und ich werden nämlich allein das lauschige Altstadtrestaurant aufsuchen. Irgendwie habe ich jetzt Appetit auf braune Butter, Kardamom und mittelalten Gouda.

Mal sehen, was sich machen lässt.

Marie Toepfer